et expecto ...
Konzert für Viola und Streicher
Besetzung: Solo Viola, Streicher (8-6-4-4-3)
Dauer: 7´00
Auf der Suche nach geeigneter Inspiration stieß ich auf J. S. Bachs monumentale geistliche Komposition – die Hohe Messe in h-moll. Der neunte Teil des Symbolum Nicenum bzw. Credo, insbesondere die Vertonung der Textstelle ET EXPECTO RESURRECTIONEM MORTUORUM (In Erwartung der Auferstehung der Toten) hatte mich schon sehr früh fasziniert. Johann Sebastian Bach durchschreitet darin in 24 vom Chor dominierenden Takten alle 24 Tonarten des Quintenzirkels. Dies ist Bachs musikalische Darstellung der totalen Verwandlung, die das menschliche Sein in der Auferstehung erfährt.
Meiner Komposition liegt dieser Transformationsgedanke als Ausgangspunkt zugrunde. Ich wollte Bachs magische 24 Takte und sein Harmoniegerüst jedoch nicht nur einfach parodieren und beschloss daher, jede der fünf Stimmen in sich noch mal zu dehnen und polyphon eigenständiger, linearer zu führen, zu ergänzen und somit neu zu formen. Die horizontale Ebene erfährt durch diese teilweise extremen zeitlichen Augmentationen in jeder Stimme der ursprünglichen fünf Chorstimmen Bachs eine doppelte Verwandlung; ein auditives Morphing, erreicht durch eine individuelle Geschwindigkeit jeder polyphonen Stimme. Engführungen des neuen Stimmenmaterials verdichten den Orchestersatz gegen Ende zusätzlich zu einem verzweigten Klangteppich. Die Harmonien, mal deutlich Dur oder Moll, werden nach und nach getrübt und neu beleuchtet. Ein Gefühl räumlicher und zeitlicher Ferne mündet immer wieder in klar umrissene Harmonien des Ursprungssatzes, die wie Inseln der Ruhe reliefartig hervortreten.
Meine von Bach abweichenden Instrumentationsideen und die daraus resultierende Stimmverdopplung verleihen dem neuen Tongeflecht eine ganz besondere Färbung. Töne werden in verschiedenen Oktavlagen präsentiert, Spielanleitungen wie Flageolett, sul ponticello, tremolo, sordino und eine eigene dynamische Dramaturgie lassen den Satz als eine kanonisch gewebte Grundierung erklingen. Wie der aquarellierte Fond eines Bildes, sehr ruhig und langsam, bietet diese die Orchestergrundlage für die daraus hervortretende Solobratsche.
Den Part des Soloinstruments schrieb ich als Letztes, auf die allmähliche Metamorphose der harmonischen Konstellation hin. Im Gegensatz zum Orchester tritt die Viola deutlich aus dem Tongitter hervor. Mit klaren Melodien und Rhythmen setzt die Bratsche dem ruhigen Grundtenor des Stücks Agilität und Lebendigkeit entgegen.
Bei der Arbeit empfand ich das Wissen darum, dass Nils Mönkemeyer den Solopart übernehmen würde, als äußerst inspirierend. Sein immenses Musikverständnis, seine Fähigkeit, auch einfachsten Melodien großen emotionalen Ausdruck zu verleihen, ebenso wie komplizierteste Tonfolgen mit Leichtigkeit zu interpretieren, seine einmalige Authentizität als Künstler sind die Kennzeichen von Nils Mönkemeyers Virtuosität.
UA Casino Festsaal der Goethe Universität, Frankfurt, Deutschland (2012)
Interpreten
Nils Mönkemeyer, Viola
Skyline Symphony unter der Leitung von Michael Sanderling
Hans Hertenstein gewidmet